Tagebuch einer Weltreise


April: Iowa, Illinois, Kentucky, Tennessee, Georgia
Mai: North Carolina, Tennessee, Ontario, Quebec, Maine, New Brunswick, Nova Scotia 
Juni: Nova Scotia, Neufundland, Labrador
Juli: Quebec, Ontario, Manitoba, Saskatchewan, Alberta, British Columbia, Yukon Territory, Alaska
August: British Columbia, Yukon Territory, Northwest Territories, Alaska
September: British Columbia, Alberta, Montana, Wyoming, Idaho, Utah, Nevada, California
Oktober: Neuseeland; Northland, Marlborough

November: Marlborough (NZ); Australien: Victoria

Dezember: Victoria, New South Wales
Januar: Queensland

Februar: Thailand
März: Deutschland


Possum
Possum

Emu
Emu
bikes
"Red Gum Tree"
sunset
Sonnenuntergang mit Pelikanen
und Kookatoos (Kakadus)


Torsten am 01.11.2001 in Blenheim/Marlborough (Neuseeland):

"Heavy rainfalls all over, all day long" (vgl. Eintrag v. 15.10.) - ich höre es immer noch! Aus dem einen Regentag ist ein ganzer Monat Dauerregen geworden. Genug, um jetzt die Segel zu streichen und nach Australien weiter zu reisen.
Schade ist es schon, denn das schöne NZ hat es eigentlich nicht verdient, auf so einer Reise mit nur 5 Wochen Aufenthalt abgespeist zu werden. Aber was zuviel ist, ist zuviel. Soviel Dauerregen - stundenlang, tagelang, wochenlang, ständig mit Gegenwind von vorne ins Gesicht - ist auch uns irgendwann mal genug. Da hilft es auch wenig, wenn einem ständig versichert wird, dass das absolut ungewöhnlich sei und dass es bestimmt bald wieder besser wird. Darauf haben wir jetzt schon wochenlang vergebens gewartet.
Und wandern ist bei dem Wetter auch nicht unbedingt eine Alternative, denn die Sicht in den Bergen ist in den Regenwolken natürlich gleich Null.
Wir fliegen am kommenden Montag, dem 5.November nach Melbourne weiter und hoffen dort auf besseres Wetter.
Good bye New Zealand, wir kommen bestimmt irgendwann mal wieder.


Torsten am 09.11.2001 in Yea/Victoria (Australien):

Mit dem nötigen Abstand wird mir jetzt auch klar, was mir in NZ gefehlt hat: es war mir einfach nicht wild genug! Und der ewige Regen hat den faszinierenden Vögeln auch noch den Spass an ihren bezaubernden Sangeskünsten genommen. Was dann übrig blieb, war langweiliges Farmland und nichts als Schafe und Kühe. Den Rest Wildnis hat man in kleine Reservate eingezäunt - damit die heimischen, zumeist flugunffähigen Vögel nicht von den eingeschleppten Hunden und Katzen gejagt werden können. Nach der gigantischen Wildnis Nordamerikas war mir das alles viel zu eng und hat tatsächlich vorübergehend zusammen mit dem schrecklichen Wetter zu einer gewissen Reisemüdigkeit geführt.
Aber hier in Australien macht das Reisen und das Radfahren wieder echt Spass. Hier ist es wieder gross, wild und ursprünglich. Der Strassenverkehr ist friedlich defensiv, die Autofahrer begreifen die Situation viel besser (als ihre durchgeknallten neuseeländischen Kollegen) und reagieren entsprechend angemessen und rücksichtsvoll.

Seit ein paar Tagen fahren wir jetzt durch Victoria Über die 'Great Dividing Range' durch riesige Eukalyptuswälder zum Murray River. Es geht uns ausgesprochen gut und wir freuen uns riesig darüber, dass wir uns doch noch für Australien entschieden haben.

road
typisch australisch
bus stop
eine einsame Bushaltestelle

Koockaburra
laughing Koockaburra
Tina  Turner
Grasbüschel
Marke Tina Turner

Christiane am 10.11.2001 in Mansfield/Victoria (Australien):

Neuseeland ist schon wieder vorbei. Es ging doch viel schneller, als wir gedacht hatten. Wir haben viel Schönes erlebt.
Nie vergessen werde ich den Bauern, der in einem mit Blut und Kuhscheisse verschmierten T-Shirt freudestrahlend auf uns zukam und uns erzählte, dass er gerade einem gesunden Kalb auf die Welt geholfen hat.
Oder als wir uns auf der Suche nach einer Abkürzung, gemeinsam mit unseren Schweizer Freunden, im Wald verfahren hatten. Nur dadurch, dass Torsten sich durch Dornenbüsche schlug und sich dabei blutige Kratzer holte, kamen wir wieder auf die richtige Strasse zurück.
Unvergessen bleiben auch die heissen Quellen des Waiotapu Thermal Reserve. In allen Farben schimmerten diese Quellen und überall dampfte es aus der Erde.
Auf einer Wanderung durch den Tangario Nationalpark fühlte ich mich, als würde ich auf einem Vulkan tanzen. Wir sind direkt an den Rändern des Kraters, aus denen bedrohlich heisser Dampf aufstieg, entlang gewandert.
Ich werde mich immer gerne an die Abende mit unseren Schweizer Freunden erinnern. Mit Cornelia und Jean-Pierre und Mike, der unsere kleine Radfahrergruppe auch eine Zeit lang begleitete. Wir kochten gemeinsam in spärlich und geschmacklos ausgestatteten Campingplatzküchen leckere Kumara, neuseeländische Süsskartoffeln. Dabei teilten wir uns guten Wein zum Abendessen. Wir hatten viel Spass zusammen.
Doch dann wird NZ mich auch immer an Regen erinnern. Regen, Regen, Regen - und am Ende auch noch kalter Wind. Als nach etlichen Tagen Regenwetter die eiskalten Tropfen nur noch waagerecht von vorne kamen und uns der Wind fast von der Strasse blies, hatten wir endgültig genug. Die sehr vereinzelten schönen und sonnigen Tage in NZ hatten uns immer wieder die Hoffnung gegeben, dass das Wetter bald besser würde, doch es stellte sich heraus, dass diese Hoffnung völlig unbegründet war. Der Wetterbericht machte dann auch jeden Schimmer dieser Hoffnung zunichte und so gingen wir kurzerhand in ein Büro von Air New Zealand und buchten unseren Flug um.
Wir sind am 5. November in Melbourne gelandet. Von dort radelten wir mit unseren Rädern in Richtung Norden.
Unser erster Eindruck ist super; die Menschen sind sehr sympathisch, das Wetter ist gut und das Radfahren auf den ländlichen Nebenstrassen macht riesig Spass.
Bunte Sittiche und Papageien krächzen wild, wenn man ihnen begegnet und ich habe sogar schon einen Koala Bären in einem Eukalyptusbaum gesehen.
Dieses Land ist riesig und wir haben noch viel Zeit. Mal sehen, wo unsere Fahrradreifen so hinrollen...

Barmah State Park
im Barmah State Park
Barmah
im Barmah State Park

Asses Ears Road
ohne Worte
Grampians
Grampians NP

Grampians
Grampians NP
Grampians
Grampians NP

Torsten am 13.11.2001 in Wangaratta/Victoria (Australien):

Jetzt hat uns auch der australische Frühling mit ein paar Wetterkapriolen in Atem gehalten. Als wir über die 'Snowy Mountains' gefahren sind, wurden wir - oh Wunder - von einem Hagelsturm heimgesucht. Zum Glück hat das aber nicht sehr lange gedauert. Heute ist wieder ein Tag, wie er schöner nicht sein könnte.
Von der Vielfalt der Eukalyptuswälder bin ich übrigens nachhaltig begeistert. Es ist immer wieder ein absolut überwältigendes Erlebnis, bei Sonnenaufgang vom stundenlangen Sinfoniekonzert der Vögel geweckt zu werden. Das ist hier noch faszinierender als in Neuseeland!
Auch ansonsten wirken viele neue Sinneseindrücke auf uns ein, dieses Land macht uns eine Super-Reiselaune, die beste seit Yellowstone, Yukon und Neufundland.

Swamp
Sumpf am Strassenrand

Christiane am 20.11.2001 in Kerang/Victoria (Australien):

Heute sind wir gesegelt- nicht auf einem See oder gar auf dem Meer. Nein, wir sind durch Weingärten, Felder und Eukalyptusalleen gesegelt. 30 km/h ohne jede Anstrengung - das konnten wir mit unseren schwer beladenen Fahrrädern bisher nur bergab erreichen. Doch heute waren alle Wettergötter gnädig. Der Wind wehte beständig in die Richtung in die die Strasse uns führte. Dazu schien die Sonne und es war angenehm warm. Das einzige Problem war es, allen netten Auto- und Motorradfahrern zurückzuwinken.
Seit einigen Tagen folgen wir dem Lauf des Murray River, dem "Mississippi" Australiens. Einst eine belebte Wasserstrasse, kreuzten auf diesem Fluss heute die restaurierten Schaufelraddampfer nur noch als Touristentransporter. Ausserdem spendet der Fluss das Wasser für die vielen Weingärten und Felder, die zu beiden Seiten liegen.
In den Eukalyptuswäldern, welche die Ufer säumen, tummeln sich unzählige Vogelarten. Das Spektakel bei Sonnenauf- und untergang ist ohrenbetäubend. Unsere Ohrstöpsel, die wir eigentlich gegen laute Campingplatznachbarn mitführen, kommen jetzt jeden Morgen zum Einsatz - um uns so ein oder zwei Stunden mehr Schlaf zu verschaffen, als uns die Schreihälse in den Bäumen zugestehen wollen.
Am hübschesten finde ich rubinrote Sittiche, mit royalblauen Flügeln. Aber es gibt Sittiche in allen nur erdenklichen Farben und Grössen. Ausserdem stimmen auch verschiedenen Wasservögel und die unvermeidlichen Magpies in die Konzerte mit ein. Magpies, dass sind freche schwarzweisse Krähenvögel, die zwar unglaublich lieblich singen können, aber sehr unangenehm werden, wenn man ihrem Nest zu Nahe kommt. Wir sind schon angegriffen worden, dass es uns an Hitchcocks "Vögel" erinnert hat. Wir haben schon vermutet, dass die in Australien bestehende Helmpflicht für Radfahrer auf die Magpies und nicht aud den friedlichen Australischen Strassenverkehr zurückzuführen ist.
Ich jedenfalls schaue beim Radfahren oft in die Bäume nach den Vögeln. Damit habe ich leider auch schon einen Unfall verursacht. Ich hatte mal wieder in die Luft geguckt, als Torsten vor mir anhielt. Das Ergebnis des Aufpralls war eine gehörige 'Acht' in Torstens Hinterrad und ein blaues Knie bei mir. Die Reparatur des Hinterrades kostete 30 Dollar aber mein Knie ist kostenlos wieder geheilt. Heute hatten wir keine derartigen Zwischenfälle und mit diesem wunderbaren Wind haben wir zum ersten mal hundert Kilometer an einem einzigen Tag zurückgelegt.


Give Way


Christiane am 30.11.2001 in Hall's Gap/Victoria (Australien):

Radfahren eröffnet ganz neue Perspektiven. Plötzlich werden Windrichtung, Geländebeschaffenheit und sogar der Strassenbelag zu existentiellen Fragen. Dabei sind die Auskünfte von "Nichtradfahrern" immer sehr mit Vorsicht zu geniessen. Was ein Flachländer als hilly=hügelig bezeichnet, ist für den Bergbewohner flat=flach. Die Beschreibung "not to steep" ist auch sehr relativ. Mit dem Auto mag etwas ja nicht so steil erscheinen, was für den Radfahrer doch ein gutes Stück Arbeit bedeutet.
Dennoch sind wir auf solche Auskünfte, vornehmlich von Touristeninformationen, angewiesen. Da wir keinen beschriebenen Routen folgen, ist es gerade bei einem Ausflug in die Berge sehr wichtig zu wissen, wie die Strasse ist, wo man Essen kaufen kann und wo es übernachtungsmöglichkeiten gibt.
Im Visitorcenter von Horsham beriet man uns sehr freundlich über den Grampians National Park. Es sei möglich, mit dem Rad hindurch zu fahren, wenn es auch vor Halls Gap, im Zentrum des Parks, etwas steil würde. (steil bergab, wie wir später mit Freude feststellten).
Der Grampians Nationalpark in Victoria besteht aus einer Bergkette, die zu den südlichsten Ausläufern der 'Great Dividing Range' gehört. Die steil aufragenden Felsenberge beherbergen in ihren Eukalyptuswäldern nicht nur unzählige australische Tierarten, sondern waren auch Jahrtausende lang die Heimat von Aboriginals. An vielen Stellen im Park findet man noch Felszeichnungen, die diese Kultur eindrucksvoll dokumentieren.
So brachen wir also auf, um mit dem Rad durch die Grampians zu fahren. Gleich am ersten Abend, noch am Rande der Berge, landeten wir durch Zufall in einem Paradies. Auf der Suche nach einem Campingplatz folgten wir einem Schild, dass uns auf den 'Emu Holiday Park' hinwies.


Grampians
Emu Holiday Park

Der Campingplatz lag in einem wunderschönen lichten Eukalyptuswald mit Blick auf die schroffen Berge der Grampians. Nachdem Vicky uns unseren Zeltplatz gezeigt hatte, fragte sie ganz nebenbei, ob wir nicht Lust hätten, um halb sechs beim Känguruh füttern zu helfen.
Typisch deutsch pünktlich tauchte ich um halb sechs auf der Veranda der Campingplatzbesitzer auf, als mir zwei niedliche kleine Western Gray Känguruhs entgegen hüpften. Ich durfte eines der beiden mit der Flasche füttern und lernte ganz nebenbei sehr viel über die australische Tierwelt.
Alan und Vicky führen auf ihrem Land am Rande der Grampians eine Tierauffangstation für verwaiste Känguruhs, Wallabies und andere einheimische Tiere. Der Campingplatz dient dabei zur Finanzierung ihrer Arbeit. Denn obwohl die Ranger des Nationalparks ihnen immer wieder gerne ihre Sorgenkinder vorbeibringen, werden sie finanziell in keiner Weise unterstützt. Sind die Tierkinder dann aus dem gröbsten heraus, wildern die Vicky und Alan sie gleich an Ort und Stelle auf ihrem eigenen Land wieder aus. So war dann auch auf dem Campingplatz eine lustige Herde Känguruhs zu Hause.
Am folgen Tag führte uns unsere Tour dann weiter in die Grampians hinein. Nach einem langen, anstrengenden Aufstieg erreichten wir mittags den Reeds Lookout, hoch in den Bergen. Als einzige Radfahrer wurden wir von den anderen Touristen sehr bestaunt. Viele sprachen uns an, weil sie uns auf dem Weg nach oben schon überholt hatten. Zwei Japanerinnen waren jedoch so begeistert, dass sie sich sogar mit uns fotografieren liessen und sagten tatsächlich, sie seinen von unserer Leistung "very impressed"!

peak
Gipfelstürmer

Grampians
Grampians NP

Grampians
Grampians NP

weiter: Dezember 2001






Tagebuch einer Weltreise © Torsten + Christiane Herrmann 2001/2002