Tagebuch einer Weltreise

April: Iowa, Illinois, Kentucky, Tennessee, Georgia
Mai: North Carolina, Tennessee, Ontario, Quebec, Maine, New Brunswick, Nova Scotia

Juni: Nova Scotia, Neufundland, Labrador

Juli: Quebec, Ontario, Manitoba, Saskatchewan, Alberta, British Columbia, Yukon Territory, Alaska
August: British Columbia, Yukon Territory, Northwest Territories, Alaska
September: British Columbia, Alberta, Montana, Wyoming, Idaho, Utah, Nevada, California
Oktober: Neuseeland; Northland, Marlborough
November: Marlborough (NZ); Australien: Victoria
Dezember: Victoria, New South Wales
Januar: Queensland

Februar: Thailand
März: Deutschland


Cape Chignecto Trail
zerklüftete Küste am Cape Chignecto,
Nova Scotia

Cape Chignecto Trail
Cape Chignecto Trail,
Nova Scotia


Torsten am 08.06.2001 in Bras d'Or/Nova Scotia (Canada):

Wo soll ich loslegen? Jeder Tag ist wie ein Roman, kleine Geschichten, Anekdoten, immer wieder bemerkenswerte Begebenheiten. Viel zuviel, um alles einzeln niederzuschreiben. Schade drum, bleibt nur die Hoffnung, alles irgendwie im Gedächtnis behalten zu können. Hinzu kommt das Bewusstsein, dass das jetzt wohl die schönste, entspannteste und sorgloseste Zeit unseres Lebens sein könnte. Spontanen Eingebungen sofort folgen können, sich über nichts wirklich ernsthaft Gedanken machen müssen - Freiheit! Und dazu noch diese traumhafte Umgebung. Von den vielen netten Begegnungen mit diesen freundlichen Menschen ganz zu schweigen. Wie albern und nichtig einem plötzlich die ewigen unnötigen Nervereien im Alltag und Berufsleben vorkommen.
Egal, das ist jetzt weit weg und wir geniessen jeden Augenblick dieser wundervollen Reise.
Nova Scotia hat uns jetzt in seinen Bann gezogen. Zunächst waren wir letzte Woche mit einem Seekayak auf einer geführten Tour unterwegs. Alan, unser Guide, hat uns dazu passende Geschichten präsentiert, z.B. von Gloosecap, dem nicht unsympathischen, launischen Gott der Mic Mac Indianer. An jedem bizarr geformten Felsen hat Gloosecap mitgewirkt. So hat er nie gezögert, ihm missliebige Gestalten (z.B. laute Kinder, nervende Hunde oder wütende Elche) umgehend für ihre Ungezogenheiten zu bestrafen und einfach in Felsen zu verwandeln. Diese üblen Figuren kann man jetzt und für alle Ewigkeit in 10facher Lebensgrösse an der hiesigen Küste vom Kayak aus bewundern. Viele von ihnen werden aber auch erst bei Ebbe sichtbar und sind zu einem Dasein halb im Wasser, halb an Land verdammt.

Kayak Fundy
Seekayak in der Bay of Fundy

Ach ja, und dann sind wir erneut Opfer eines entsetzlichen Geschmacksverbrechens geworden. Tatort: ein Seafood Spezialitäten Restaurant in einem stinknormalen Fischerdorf an der kanadischen Ostküste.
Wir dachten, man könnte hier den besten Fisch der Welt bekommen. Aber man hat uns übel mitgespielt!
Es fing schon damit an, dass man uns den Salat mit einer ungeöffneten Portionspackung Kraft Salatdressing servierte. Egal, dachten wir, es kommt ja auf den Fisch an. Und dann kamen all die Leckereien (Tintenfisch, Shrimps, Heilbutt) dick paniert aus der Friteuse zu uns auf den Teller. Natürlich nicht ohne Ketchup.
Also: mir hätte das Schlemmerfilet Bordelaise von Iglo (aus der Tiefkühlbox) für 4,29 DM garantiert viel besser geschmeckt als diese übel zugerichteten Spezialitäten des Meeres für umgerechnet 30 DM. Aber es gibt mildernde Umstände: Das zum Essen servierte frisch gezapfte Moosehead Bier (Elchkopf) hat uns wieder etwas versöhnlicher gestimmt!


Cape Chignecto Trail
Küste am Cape Chignecto Trail,
Nova Scotia

Meat Cove
Meat Cove, Cape Breton Highlands,
Nova Scotia


Christiane am 10.06.2001 in Meat Cove/Nova Scotia(Canada):

"Meat Cove - that's a kind of an end-of-the-world-place" sagte Charly, der Campingplatzbesitzer in Sydney/Nova Scotia.
Seit drei Wochen sind wir nun in den Maritimes, den Ostküsten-Staaten von Kanada, unterwegs. Unser Ford Van, den wir uns nach dem Wandern in North Carolina gekauft hatten, hat uns schon 3500 Meilen sicher hier herauf gefahren. Von Anfang an waren wir von den Maritimes begeistert. Die Bay of Fundy/New Brunswick mit dem höchsten Tidenhub der Welt (20 Meter!) hat uns in Ihren Bann gezogen. Wir sind im Fundy Nationalpark zum erstenmal Seekayak gefahren. Paddelt man dort gegen die Tide, ist das wirklich Sport. Immer an der Steilküste entlang wanderten um das Cape Cignecto/Nova Scotia - und unten auf den Felsen tummelten siichh die Robbenmütter mit ihren Neugeborenen. In vier Tagen ist uns dort niemand begegnet. Wohl auch, weil ausser uns niemand bei Gewitter wandern geht?!.
Doch nun sind wir nach Meat Cove gefahren. Wir haben nämlich die Erfahrung gemacht, dass die Tips von Einheimischen immer die Besten sind.
Das Dorf an der nördlichsten Spitze von Nova Scotia ist nur über eine Schotterpiste zu erreichen, die sich in engen Kurven an der Steilküste entlang windet. In Anlehnung an das Wildwasserpaddeln nennen wir solche Strassen immer Wildstrassen. Wildstrassen fahren macht Spass, solange man ein altes Auto hat. Wohl auch deshalb kommen nicht so viele Touristen nach Meat Cove. Eine Hand voll kleiner Häuser liegen in einem schmalen Tal über der Steilküste - und dahinter steigen die Berge bedrohlich steil zu den Cape Breton Highlands auf. Ohne den Bewohnern zu nahe treten zu wollen, erinnerte mich der Ort sofort an ein Seeräubernest. Der Zeltplatz liegt auf einer Wiese, die terrassenförmig Über dem Meer hängt und die Brandung klatscht laut gegen die Felsen unter uns. Nach einer sehr stürmischen Nacht war es am Morgen plötzlich windstill und ich erwachte von der warmen Sonne auf unserem Zelt.
Als ich den Reissverschluss von unserem Zelt öffnete und aufs glatte Meer hinaus schaute, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Die Rückenflosse eines Wals durchschnitt das Wasser! Direkt vor mir in der Bucht!!( Ein Pilotwal wie ich später erfuhr) Und dann noch einer - und am Horizont sah ich eine Fontäne! Das ging den ganzen Morgen so weiter. Ich konnte kaum mein Frühstücksbrot abbeissen oder meine Haare kämmen, ohne dass ich einen Wal verpasste, den Torsten schon wieder entdeckt hatte. Ich hatte zwar gehofft, dass ich die ersten Wale meines Lebens hier an der Ostküste von Kanada zu sehen kriege, aber dass ich dabei gemütlich in der Sonne sitze und meinen Frühstückstee schlürfe hätte ich im Leben nicht gedacht!!


Torsten am 13.06.2001 in Barachois Pond/Neufundland (Canada):

Nach der 6-stündigen Überfahrt spuckte uns die Fähre in eine Landschaft, die uns spontan an die Tundra in den lappländischen Hochebenen erinnerte. Nur waren wir hier auf Seehöhe und nicht in 1000m Höhe.
Schneereste, noch nicht wirklich ergrüntes Gras, keine Bäume und Temperaturen unter 10 Grad Celsius taten ein übriges, um dieses Bild zu vervollständigen.
In der Hafenstadt Port Aux Basques immer noch keine Bäume, aber dafür ist die halbe Stadt auf den Beinen - und entpuppt sich nach Feierabend als Domäne der Geher. Gehen ist hier eine Art Volkssport. Man geht in Gruppen oder einzeln, im Sportdress und mit Walkman durch die Strassen. Nachdem wir in einigen Gegenden der USA das andere Extrem kennenlernen durften (dort verzichtet man ja vielfach schon ganz auf Gehwege), war das nun wieder eine ganz andere skurrile Facette des alltäglichen Lebens in einer durchschnittlichen Stadt. Wirklich bemerkenswert, welche seltsam anmutenden regionalen Gewohnheiten sich so im Laufe der Zeit so aussprägen können.
Eine weitere Spezialität im Stadtbild sind die unzähligen Zebrastreifen, die im Abstand von 30-50m auf den Asphalt gemalt sind. Für einen ortsfremden Autofahrer doch ziemlich verwirrend, zumal diese vielen Zebrastreifen von den Gehern auch noch intensiv genutzt werden.
Auch das Wetter hat hier einiges an Besonderheiten parat. Hier ringen der kalte Labradorstrom und der warme Golfstrom um die Vorherrschaft. Das Ergebnis sind schlagartige Wetterumschwünge, die sehr viel Pepp in die endlose Weite dieses (natürlich nicht baumlosen) Landes bringen. Bei unserer Ankunft vorgestern nur kühle 8 Grad - gestern war's auch nicht viel wärmer - und heute morgen um 6 Uhr wären wir in unseren Schlafsäcken bei 30 Grad Aussentemperatur fast den Hitzetod gestorben!
Neufundland am 13. Juni - und wumms! der Sommer ist da! Mit orkanartigen Böen breitet sich schwüle Hitze über dem Land aus. Mal sehen, wie lange das gut geht. Würde mich auch nicht wundern, wenn's morgen schneit.
Bemerkenswert ist auch die besonders grosse Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt. Viele arktische und subarktische Arten finden in NFLD ihr südlichstes Ausbreitungsgebiet, während gleichzeitig viele Arten der gemässigten Zonen hier ihr nördlichstes Ausbreitungsgebiet haben. Zusammen ergibt das mit dieser ebenso vielfältigen Landschaft eine absolut einzigartige Wildnis, die ich nur noch als dramatisch schön bezeichnen kann. Sieht aus, als würden wir hier etwas länger bleiben...


Christiane am 20.06.2001 in Dildo Run/Neufundland (Canada):

Die Abendsonne hat den Stein vorgewärmt, auf den ich mich ans Wasser gesetzt habe. Wir sind auf Neufundland und ich sitze um 9.00 Uhr abends im T-Shirt am Meer. Heute war einer der bisher schönsten Tage dieser Reise.
Am 11.6. hat unsere Fähre in Port Aux Basques angelegt. Seit dem fahren wir durch eine faszinierende Landschaft. Plateauberge, Tundra, sogenannte Süsswasserfjorde und Seenplatten säumten unseren Weg bis hinauf zur Notre Dame Bay.
Seit zwei Tagen waren wir in dieser Gegend auf der Suche nach Eisbergen. Neufundland ist berühmt für seine Eisberge, die eigentlich abgebrochene Gletscherstücke aus Grönland sind. Der kalte Labradorstrom treibt sie herunter bis vor die Küste Neufundlands. Einige dieser majestätischen Riesen aus uraltem Süsswasser brauchen für diese Reise bis zu drei Jahre. Ende Juni bis Anfang Juli soll man sie am häufigsten sehen können. Doch für uns wurde es zuerst zu einer Irrfahrt. In einer Landschaft, die zu gleichen Teilen an die Fjorde Norwegens und die Schären Schwedens erinnerte, konnten wir zwar während der Fahrt manchen Eisberg von einer Bergkuppe aus in der Ferne entdecken. Aber es war uns unmöglich, genau an die Küste heranzufahren, von der aus wir ihn hätten genau betrachten können.
Gekrönt wurde das Ganze von einer Übernachtung auf einem Campingplatz mit gefährlichen Tieren. Kaum hatten wir das Auto verlassen vielen sie wie Piranhas über uns her: Ein riesiger Schwarm "Black Flies", kleine gemeine schwarze Fliegen, die einen schmerzhaft beissen. Selbst mit dem stärksten Insektenmittel auf der Haut konnte man kaum zu abend essen. Diese Plage der Natur flog einem nämlich in die Augen und Ohren genauso wie ins Essen und ins Bier! Das war nicht schön!!!
Doch wir haben daraus gelernt, Campingplätze am Meer denen an Binnenseen vorzuziehen. Gestern sind wir dann im Dildo Run Provincial Park (der heisst wirklich so!) angekommen. Hier gibt es nur wenige "Black Flies" oder Stechmücken, denn der Platz liegt an einem Fjord. Ausserdem hatte der Campingplatzwart auch die neusten Eisberginformationen für uns. Auf seinen Rat hin sind wir heute an die nördlichste Spitze von New World Island gefahren. Und siehe da: ein riesiger Eisberg schien wie geradewegs für uns dort hingestellt worden zu sein! Wir fanden ein windgeschütztes Plätzchen auf einem Felsen mit einer Wiese gerade gross genug für ein Picknick. Und vor allem hatten wir dort endlich einen wunderbaren Eisbergblick. Dort verbrachten wir heute den ganzen Nachmittag in der Sommersonne Neufundlands.

Iceberg
Eisberg im Sommer

Auf dem Rückweg zum Campingplatz bogen wir in ein kleines Fischerdorf ab. An der Strasse hatte nämlich ein Schild mit frischem Hummer geworben. Wir dachten, dies sei nun der richtige Zeitpunkt für ein Hummeressen, dass wir uns bis hier her schon so oft verkniffen hatten. Wir landeten direkt vor einem Fischerhaus in einer wieder mal malerischen Bucht. In einem Tank schwammen ein paar hundert Hummer, frisch gefangen und ziemlich lebendig! Der Fischer fragte mich, ob ich mir selber einen heraus fangen möchte, was ich dankend ablehnte. Er fing uns zwei mittelgrosse Exemplare und sie wurden gleich vor Ort in Meerwasser für uns gekocht. Frischer geht's nicht! Während der Kochzeit bekamen wir eine Privatführung rund um seinen Fischereibetrieb und er erzählte uns alles über die Köstlichkeiten aus Neufundlands Meeren. Zurück an unserem Zelt genossen wir frischen Hummer mit Knoblauchsauce. Doch nicht ohne einen guten Weisswein, den wir uns extra zu diesem Anlass gegönnt haben. Das war der perfekte Abschluss eines wunderschönen Tages!


Cape Buena Vista
Cape Buena Vista, irgendwie am östlichsten

Torsten am 28.06.2001 in Labrador City/Labrador (Canada):

Seit gestern sind wir in Labrador und ich habe Neufundland (NFLD) noch nicht mal abschliessend kommentiert. Also: NFLD war so klasse, dass ich mich jetzt doch zu einer Reiseempfehlung hinreissen lasse. Wir sehen in NFLD das ideale Reiseziel. Hier gibt es alles, was man sich wünscht, vom Urwald bis zur arktischen Tundra, Fjorde, Schären, Hochgebirge, Seen, Meer, Eisberge, reissende Flüsse und malerische Fischerdörfer, usw, usw. Fast unberührte Wildnis, intakte Natur. Nirgendwo sonst haben wir je einen so tiefblauen Himmel gesehen. Alles hat seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter.
Das Wetter ist extrem spannend, man kann im Sommer alle 4 Jahreszeiten an einem Tag erleben, auch Regen hält sich nie lange. Und es war erheblich wärmer, als wir je gedacht hätten, wir hatten fast durchgehend herrliches Sommerwetter, zumeist 22 bis 30°C. Wo sonst kann man bei solchen Temperaturen Eisberge bestaunen?
Und die Menschen? Uns hat die ruhige, herzliche und ausgesprochen freundliche Art der "Newfies" sehr zugesagt(Newfie ist der landesübliche Kosename für die Einwohner Neufundlands). Hektik oder Eile kennt man hier nicht.
Also: 3 oder 4 Wochen Urlaub? Ab nach NFLD, Wohnmobil mieten, Insel erkunden. Der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen, Eigeninitiative und Flexibilität sollte man schon selber mitbringen.
Und nun sind wir in Labrador! Das ist wohl einer der am schwierigsten zu erreichenden Teile Kanadas. Es gibt nur eine einzige durchgehende "Strasse", die entweder von Quebec über eine Schotterpiste oder von NFLD aus mit der Fähre zu erreichen ist. Wir sind mit dem Fährschiff 36 Stunden von Lewisporte (NFLD) nach Goose Bay (Labrador) gefahren. Auch das war wieder ein absolutes Highlight der Reise. Mit einem Schiff durch die Iceberg Alley! (Hier kommen die Eisberge mit dem Labradorstrom aus dem Nordosten Grönlands nach NFLD). Wir haben auf der Fahrt wohl so um die 50 der weissblauen majestätischen Skulpturen an uns vorbeiziehen sehen. 12000 bis 20000 Jahre alt! Ungeheuer faszinierend. Mit etwas Glück sieht man auch noch ein paar Wale herumschwimmen! Als sie auftauchten, war ich leider gerade unter Deck, aber Christiane war zur richtigen Zeit oben und noch Stunden danach im Begeisterungstaumel über die Sichtung der Wale. Und das in dieser Kulisse!
Bei der Ankunft in Goose Bay war es gute 20 Grad kälter als in Lewisporte, keine Spur mehr von dem herrlichen Sommer. Ausser ein paar Tankstellen und einigen Geschäften gibt es noch die üblichen Junkfood Stationen (McDonalds etc.) und einen Tim Hortons, wo sich der Kanadier sein tägliches Frühstück holt (Tim Hortons ist Kult in Kanada, auch ein Thema über das ich unbedingt schreiben muss. Tim Hortons hat den leckersten Kaffee auf dem Kontinent!).
Wir haben uns von Anfang an auf ein Abenteuer der besonderen Art gefreut, auf Labradors einzige durchgehende "Strasse" - 500 km neu angelegter Schotter von Goose Bay nach Labrador City, der unsere Rundreise erst möglich macht. Ansonsten kann man sich in Labrador nur noch mit dem Flugzeug fortbewegen.
Im Supermarkt in Goose Bay wurden wir auf unseren Van angesprochen und gefragt, ob wir mit diesen Reifen nach Labrador City fahren wollen. Es wurde uns empfohlen, uns lieber gleich mindestens zwei Ersatzräder für die Fahrt zu besorgen, notfalls auch gebraucht. Da wir Ratschläge von Einheimischen grundsätzlich ernst nehmen, haben wir das auch versucht, aber: es gibt keine gebrauchten Reifen in Goose Bay. Warum wohl? Reifen leben hier nicht lange. Für neue Reifen waren wir zu geizig und deswegen sind wir dann kurzerhand ohne zusätzliche Ersatzräder losgefahren.
Die "Strasse" war teilweise in einem absolut haarsträubenden Zustand, alle paar Kilometer lagen mahnend Reifenfetzen am Strassenrand. Gulp! Leichtes Ziehen in der Magengegend. Und dann haben wir dummen deutschen Touristen uns auch noch festgefahren. Was haben wir auch in dieser endlosen Kiesgrube neben der Piste zu suchen? In der totalen Wildnis? Wir wollten dort übernachten, wo bei Bedarf das Ausbesserungsmaterial für die Strasse mit schwerem Gerät abgebaut wird. Auf der Suche nach einem lauschigen Plätzchen steckten wir plötzlich fest im weichen Kies und der gesamte Unterboden lag auf Sand. Super. Eine Situation wie bei Malcolm Douglas unterwegs in Australien oder bei Daktari. Kein Wasser, Sandsturm, Survival. Aber wir waren durchaus freiwillig in diese Wüste reingefahren. Dumme deutsche Touristen - nicht die Anderen, nein -wir selbst. Mit blossen Händen und einer Sandkastenschippe, die wir eigentlich für sanitäre Zwecke mitführen, haben wir das ganze Auto dann ausgegraben. Ungefähr 10mal - weil wir uns auf dem Weg zurück zum festen Grund ständig erneut eingegraben haben. Zum Glück hat uns niemand gesehen...ausser der Besatzung in dem Hubschrauber, der während dieser über zweistündigen Prozedur kurz einmal über uns herflog. Was die wohl gedacht haben? -Zwei kleine Ameisen graben im Sandkasten ein Matchbox Auto aus...aber was soll's, wir waren nicht in Zeitnot und es gab eindeutige Spuren anderer Zeitgenossen, denen vor nicht allzu langer Zeit das Selbe Schicksal widerfahren sein musste.

Labrador Highway
Highway in Labrador
Ford Aerostar in Labrador
Ford Aerostar in arktischer Tundra

Letztendlich sind wir dann aber doch heil und glücklich in Labrador City angekommen. Hier feiert man übrigens dieser Tage das 40-jährige Gründungsjubiläum. Diese Region ist nach eigenem Bekunden das grösste Erzabbaugebiet der Welt und entsprechend hässlich ist das auch alles hier. Riesige rote Abraumhalden soweit das Auge reicht. Rot gefärbte Seen und roter Staub, sieht nicht sehr gesund aus. Nach soviel Schönheit und Natur der totale Industrie-Schock.
Bloss schnell weg hier. Aber nicht, ohne nach Ersatzreifen Ausschau zu halten, denn die Hinterräder unseres Vans sind schon verdächtig blank. "Worn out" - ausgetragen, wie man hier sagt. Vor uns liegen nämlich erneut 600km Urwald-Schotter der schlimmsten Sorte. Auf dieser Strasse auch noch von schweren LKWs zusätzlich gebeutelt. Aber auch in Labrador City gibt es aus bekannten Gründen keine gebrauchten Reifen zu kaufen und deshalb haben wir unseren Geiz überwunden und gleich zwei neue Reifen aufziehen lassen. Den besseren unserer alten Reifen haben wir uns zusätzlich auf eine gebrauchte Felge aufziehen lassen, man weiss ja nie... aber ein richtig teurer Spass!
Was uns jetzt wohl ausser Bären und Moskitos dort erwartet?
übrigens: wer das nacherleben möchte, muss wohl schon seinen eigenen PKW mitbringen, wir kennen jedenfalls keinen Autoverleih, der seinen Kunden diese Tour gestattet.

weiter: Juli 2001






Tagebuch einer Weltreise © Torsten + Christiane Herrmann 2001/2002