Tagebuch einer Weltreise

April: Iowa, Illinois, Kentucky, Tennessee, Georgia
Mai: North Carolina, Tennessee, Ontario, Quebec, Maine, New Brunswick, Nova Scotia
Juni: Nova Scotia, Neufundland, Labrador

Juli: Quebec, Ontario, Manitoba, Saskatchewan, Alberta, British Columbia, Yukon Territory, Alaska

August: British Columbia, Yukon Territory, Northwest Territories, Alaska
September: British Columbia, Alberta, Montana, Wyoming, Idaho, Utah, Nevada, California
Oktober: Neuseeland; Northland, Marlborough
November: Marlborough (NZ); Australien: Victoria
Dezember: Victoria, New South Wales
Januar: Queensland

Februar: Thailand
März: Deutschland


I am ca
"I am...

Triumvirat
...CANADIAN, eh!"

Kuehlschrank
aufschlußreicher Einblick in unseren
"Kühlschrank" im Kofferraum

bear trap
Bärenfalle

Torsten am 02.07.2001 am Riviere Ashuapmushuan/Quebec (Canada):

Kurz hinter Labrador City fängt die französischsprachige Provinz Quebec an und unsere "Strasse" führt nach Südwesten als Route 389 über 600km nach Baie-Comeau. 450km davon sind ungeteert. Zwei Tankstellen und immerhin drei SOS-Telefone sorgen für ein gewisses Sicherheitsgefühl.
Am schlimmsten ist der Teil kurz hinter Labrador City, die Strasse erlaubt dort wg. ihres völlig zerschlissenen Zustandes zumeist nur ein bisschen mehr als Schrittgeschwindigkeit. Dazu kommt dann auch noch das einmalig hässliche Panorama der endlosen roten Abraumhalden, die wir liebevoll "Abralm" getauft haben. Und der Strassenrand ist gespickt mit zerfetzten Reifen - gespenstisch. Aber nach ca. 80km hatten wir die "Abralm"-Zone endgültig hinter uns gelassen, die Strasse wurde erheblich besser und die Landschaft entwickelte sich rasch von karger arktischer Tundra zum gewaltigen, bizarr geformten Gebirge mit einer unerwartet üppigen Vegetation, die uns schon eher an Bilder vom Urwald irgendwo in Brasilien erinnerte.
Aber wir waren immer noch auf der nördlichsten Route, die man durch Kanada fahren kann. Nach anderthalb Tagen Fahrt durch den Busch wurden wir in Baie-Comeau endgültig wieder von der Zivilisation aufgenommen. Eine der wildesten Strassen Kanadas hatten wir damit pannenfrei befahren. Die nächste grosse Herausforderung für den Wagen wird im August der Dempster Highway sein, der von Dawson City im Yukon Territory nach Inuvik am Nordpolarmeer führt - aber das dauert ja noch ein bisschen....

Bruecke
unterwegs...
Quebec
...im Norden Quebecs

Jetzt touren wir durch den Norden Quebecs, der landschaftlich sehr reizvoll ist. Auch hier hat Kanada wieder ein einzigartiges, unverwechselbares Gesicht.
Gegen die "Newfies" (Newfie ist der landesübliche Kosename für die Einwohner ) Neufundlands sind die Quebec richtige Hektiker. Ich bleibe übrigens dabei: Die Autofahrer hier sind rücksichtslose, aggressive Drängler. Und kein Mensch hält es für nötig, englisch zu können oder auch nur irgendwas in englisch zu beschriften. Im Gegensatz dazu wittert man gleich Verrat, wenn im englischsprachigen Teil Kanadas mal irgendwas nicht in französisch ausgeschildert ist. Die spinnen, die Quebec...
Auch ansonsten fühlt man sich tatsächlich ein bisschen wie in Frankreich - nur, dass die Landschaft hier noch schöner ist.
Aber ich möchte hier an den Menschen in Quebec ja nicht nur herum meckern. Uns gefällt nämlich die offensichtlich französisch mediterrane Lebens- und Esskultur der Leute. Nach soviel amerikanischem Junkfood überall ein wirklich sehr angenehmer Kontrast, endlich mal wieder schlemmen! Und selbst in den Supermärkten gibt es erlesene Weine zu akzeptablen Preisen.
Der französische Charakter Quebec vervollständigt sich auch sonst an diversen Kleinigkeiten des öffentlichen Lebens, in den Parks und auf öffentlichen Plätzen spielen die Männer Boule und die älteren Semester sehen alle ein bisschen wie Kommissar Maigret in seinen besten Tagen aus. Baguette, Jeanette, Claudette....Fronkraisch, Fronkraisch!


Christiane am 03.07.2001 am Riviere Ashuapmushuan/Quebec (Canada):

Ashuapmushuan
Ashuapmushuan
Ashuapmushuan
Ashuapmushuan

Ohrenbetäubendes Tosen von Wasser, das in Kaskaden über glattgeschliffenen Felsen stürzt. So empfing uns der Wasserfall des Ashuapmushuan. Auf natürlichen Felsenterassen im Sonnenschein, nur Meter von den stürzenden Fluten entfernt, konnten wir uns von diesen meditativem Rauschen gefangen nehmen lassen. Im Besucherzentrum des Naturreservats Ashuapmushuan/Nord ,Quebec hatte man uns empfohlen, an diesem einsamen Wasserfall zu campen. Unterhalb des Wasserfalls begann dann die Wildwasserstrecke, die wir evtl.. am nächsten Tag paddeln wollten. Wir konnten uns so in Ruhe die ersten Stromschnellen anschauen. In Finnland hatten wir schon erheblich wilderes Wasser bezwungen. Diese Stromschnelle der Klasse III bestand "nur" aus stehenden Wellen ohne gefährliche Felsen, auf die man hätte aufschlagen können. Es sah so aus, als würde es ein riesiger Spass werden. Also mieteten wir am nächsten Tag im Besucherzentrum ein Kanu. Wir kauften eine genaue Karte der 40 km langen Strecke und liessen uns letzte Instruktionen geben. Wenn wir das Kanu am Abend nicht zurück brächten, versprach man, uns zu suchen.
Auf ,Englisch mit wunderbarem französischem Akzent, erzählte uns Jean auf der Fahrt zum Ausgangspunkt etwas über die Geschichte des Flusses. Ashuapmushuan heisst in der Sprache der hiesigen Indianer: "wo-wir-den-Elch-sahen". Dieser Fluss wurde schon immer von den Indianern und später auch von den Engländern und Franzosen als Transport-und Handelsweg genutzt. Die waren damals allerdings mit wesentlichen grösseren Kanus unterwegs.
Zurück am Wasserfall verabschiedete sich Jean mit einem Händedruck von uns und verschwand mit unserem Auto in Richtung Endpunkt der Flussfahrt. Wir vertäuten routiniert unseren wasserdichten Rucksack im Boot und zogen unsere Schwimmwesten an. Und los ging es!
Dieses schwere, festen Kanu verhielt sich erwartungsgemäss anders als unser Ally-Faltkanadier, der zu Hause auf dem Dachboden schlummert. Aber als wir mit dem Bug in die erste stehende Welle eintauchten, wurde uns schlagartig klar, wie träge dieses Boot wirklich war. Ich war so verdutzt, dass ich das paddeln vergass. "Ziehen, los paddeln!!!", rief Torsten von hinten. Doch zu spät! Die zweite Welle schlug das Boot voll. Es drehte sich ganz langsam zur Seite und wir waren im Wasser. überrascht schaute ich mich um, ob Torsten noch da war. Ja da war er!
Reflexartig hielten wir uns beide mit einer Hand am Boot fest. In der anderen hatten wir unsere Paddel. So schossen wir durch die Stromschnelle, die zum Glück nicht sehr lang war. Doch auch nachdem die hohen Wellen aufhörten, hatte der Fluss noch eine sehr starke Strömung. Es kostete uns alle Kraft, aus der Hauptströmung heraus ans Ufer zu gelangen. Das Kanu mussten wir natürlich mitziehen, denn all unsere Sachen waren darin festgebunden. Ich war sehr dankbar für die Schwimmweste, die mich über Wasser hielt. Als das Wasser nur noch hüfttief war, versuchten wir zu stehen. Doch in der Strömung war es sehr schwer, Fuss zu fassen. Es dauerte eine Weile, bis wir endlich uns und das Boot ans Ufer gebracht hatten. Wir drehten es um und zu unserer Freude war noch alles an seinem Platz. Sogar das Ersatzpaddel hatte sich unter dem Boot gehalten. Nur die teure Flusskarte war verschwunden!
Mit zitternden Knien setzte ich mich auf einen Stein. Ob die Knie wegen der Anstrengung, wegen der Kälte oder vor Aufregung zitterten, wusste ich nicht. Wahrscheinlich von allem etwas.
Was war nur passiert? Mir war überhaupt nicht klar, warum wir gekentert waren. Mit unserem eigenen, flinken Faltboot waren wir immer lustig über solche Wellen hinweg gefahren, ohne auch nur einen Tropfen Wasser ins Boot zu kriegen. Doch dieses Kanu war eben anders - und das hatten wir nun unsanft erfahren.
Noch lagen 39 Flusskilometer vor uns. Einige Stromschnellen würden nicht minder schwer sein und unsere Karte war dahin. Zurück konnten wir nicht mehr, denn es war unmöglich, am Fluss entlang zu laufen. Also mussten wir uns eine Strategie überlegen, dieses Abenteuer heil zu überstehen. Torsten versuchte mich zu beruhigen:" Jetzt wissen wir wenigstens, wie kentern geht. Beim nächsten Mal wird's dann halb so schlimm!" Ich hatte eigentlich keine Lust auf ein nächstes Mal.
Nachdem wir uns trockene Sachen angezogen hatten, stiegen wir wieder ins Boot. Auf den nächsten, leichteren Stromschnellen probierten wir alle uns bekannten Techniken mit dem Kanu aus. Mit der Zeit gewöhnten wir uns an das Boot und an den Fluss. Doch dann kam die nächste richtige Herausforderung. "Nur" Klasse II, aber fast 2km lang war dieses wilde Wasser. Am Anfang kamen wir sehr gut durch. Nach und nach schlug aber immer mehr Wasser ins Kanu. Da wir mit aller Kraft paddeln mussten, konnte keiner von uns das Wasser herausschaffen. Auf den letzten paar hundert Metern war das Boot dann doch voll. Es sank einfach unter mir weg um gleich danach umgedreht wieder aufzutauchen. Wir wussten ja schon wie es geht. Wir hielten uns am Boot fest, um mit den Füssen voran durch die Stromschnelle zu gleiten.
Für einige Momente fand ich es sogar lustig. Aber an Land zu schwimmen, gestaltete sich dieses Mal noch schwieriger. Die Stromschnelle war lang und dahinter war das Wasser immer noch sehr schnell. Und so strampelten wir uns ab. Am Ende waren wir fix und fertig, aber endlich sicher am Ufer. Trockene Kleidung hatten wir jetzt nicht mehr, doch Fleece wärmt ja auch, wenn es nass ist. Zum Glück waren Wasser- und Lufttemperatur sommerlich genug, um uns vor einer Unterkühlung zu bewahren. In einem Gletscherfluss hätte das mit Sicherheit anders ausgesehen.
Wir stärkten uns dann mit ein wenig Schokolade. Als wir gerade wieder ablegen wollten, entdeckte ich am anderen Ufer einen Schwarzbären. Aber was konnte mir jetzt noch Angst machen? Bestimmt nicht ein friedlicher Bär, der uns noch nicht einmal bemerkt hatte.
Der Rest der Fahrt verlief ziemlich reibungslos. Die letzte Stromschnelle der Klasse III konnte ich aus der Ferne rechtzeitig erkennen. Wir legten an und begutachteten das Wasser. Hier waren nicht nur hohe Wellen, sondern auch Felsen im Weg. Da wir uns schon vorher verausgabt hatten, fehlte uns dafür die nötige Energie. Wir beschlossen, das Boot umzutragen, was sich als einfach und vernünftig erwies.
Und so kamen wir am Ende heil, erschöpft und um eine Menge Erfahrungen reicher am Ziel dieser abenteuerlichen Flussfahrt an.


Torsten am 08.07.01 im Sleeping Giant Provincial Park/Ontario (Canada):

Mittagsglut, 35 Grad im Schatten - Hochsommer. Wir sind auf der Sleeping Giant Halbinsel in der Nähe von Thunder Bay, dem vorerst südlichsten Punkt auf unserer Route durch Kanada. Ca. 7500 Meilen haben wir seit Asheville mit unserem Van zurückgelegt. 2000 Meilen davon in den letzten 10 Tagen seit Goose Bay. Ich weiss nicht, wie oft Deutschland in Kanada reinpasst, aber die Strecke HH-München (ca. 800km) ist für uns eine lächerliche Tagestour. Ein Umweg von 500 km für irgendeine Kleinigkeit, z.B. eine bestimmte Sehenswürdigkeit, erscheint wie ein Klacks. Zuhause empfinden wir so eine Tour auf deutschen Autobahnen als Strafe, auf kanadischen Highways ist es eine entspannende Sightseeing Tour.

Sunset
Sonnenuntergang irgendwo in den Weiten Kanadas

Alles hier gefällt uns gut, die Kanadier sind total klasse drauf, immer freundlich und hilfsbereit. Was kann es schöneres geben, als durch Kanada zu reisen? I have no idea!
Die einzigen Nervensägen sind Insekten - hauptsächlich Stechmücken und Black Flies, bei Hitze auch Bremsen (Horse Flies). Meistens (je nach Tageszeit und Wetterlage) kann man sie mit den handelsüblichen Insektenmitteln zwar einigermassen in Schach halten, aber sie nerven trotzdem. Wirklich eine echte Plage. Der Gipfel aber sind superkleine, fast unsichtbare Fliegen, deren Namen ich nicht kenne. Sie kommen als Staubwolke wie eine biblische Plage über einen hergefallen, bohren ihren Kopf in unsere Haut und beissen sich fest - tut weh und blutet sogar manchmal ein bisschen. Diese winzigen Biester passen sogar durchs Moskitonetz. Letzte Nacht haben sie uns echt zum Wahnsinn getrieben. Es gibt sogar Orte, an denen alle Quälgeister gleichzeitig mit vereinten Kräften zuschlagen - Ogottogottogottogottogott -ist das grauenhaft!!!!! Am schlimmsten war es bisher hier in Ontario, zwischen Lake Superior und Hudson Bay. Letztes Mittel: Ins Auto flüchten und eine halbe Stunde lang alles tothauen, was sich bewegt. Oder ein kleines Feuer machen - mit nassem Laub oder Gras - und sich leicht gebeugt darüber stellen. Ist zwar nicht gerade elegant, aber irgendwie ist einem sowas dann ziemlich egal, Hauptsache Linderung...


Christiane am 15.07.01 in Flin Flon/Manitoba (Canada):

Im Visitor's Center von Manitoba war man gut informiert. Auf meine Frage nach Wander- und Paddelmöglichkeiten empfahl man uns den Witheshell Provincial Park an der Grenze zu Ontario. Das war eine super Empfehlung. Es war geradezu ein Wander- und Paddelparadies.
Wir blieben drei Tage in diesem Provincial Park - und taten gar nichts. Es war heiss, 30 Grad und mehr, und der Campingplatz war schön schattig. So genossen wir einfach für drei Tage den Sommer in Manitoba.
Dann machten wir uns auf nach Winnipeg. Wir hatten uns nämlich in den Kopf gesetzt, unsere bisherigen Reisepläne etwas zu ändern und ein wenig länger auf diesem Kontinent zu bleiben. Statt am 18. September von Vancouver nach Samoa, wollen wir nun am 30. September gleich nach Neuseeland fliegen und zwar von San Francisco aus. In unserem Reisebüro in Hamburg hatte man uns gesagt, rechtzeitige änderungen unseres RoundTheWorldTicket seien kein Problem. Es war im Prinzip auch kein Problem, zumindest nicht für uns. Aber für zwei nette Damen von Air Canada war es eine Herausforderung. Die waren vier Stunden mit unserem Anliegen beschäftigt und kopierten danach die ganzen Tickets für Weiterbildungszwecke.
Gestern sind wir dann in Manitobas Norden aufgebrochen. Man hatte uns gesagt, Manitoba sei langweilig. Jetzt weiss ich, was langweilig bedeutet. 200 Kilometer fährt man in Deutschland in ca. zwei Stunden. In Manitoba auch. Aber sie fühlen sich an wie mindestens vier. Die Weile scheint länger zu dauern oder anders gesagt, die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Ich versuchte, schneller zu fahren, denn selbst das Auto scheint langsamer zu werden. Wir fuhren immer geradeaus. Erst durch Prärie und Farmland, dann nur noch durch Wald. Keine Flüsse, keine ,Seen keine Berge. Auch die Redensart: "So weit das Auge reicht", bekommt in Manitoba eine neue Bedeutung. Mein Auge reichte nämlich nicht an das Ende der Strasse. Eine Kurve war schon ein Ereignis. Kam uns ein Auto entgegen, war ich versucht zu grüssen, wie man beim wandern grüsst, wenn man mal jemanden im Wald trifft. Es machte sehr schnell müde, immer in die Ferne zu blicken. Ei Fleck auf der weit vor uns liegenden Strasse konnte immer auch ein Tier sein, dass man natürlich nicht überfahren will. Kamen wir näher und der Fleck bewegte sich, hoffte ich mal einen Wolf zu sehen oder zumindest ein Stachelschwein zu erkennen. Aber es waren immer nur Raben, die sich am Strassenrand über "Roadkill", totgefahrenes Wild, hermachten.
Abends erreichten wir einen Platz, der als Campingplatz ausgewiesen war. Der Einzige im Umkreis von 300 Kilometern. Doch dies war vielleicht mal ein Campingplatz gewesen. Ein paar ungepflegte Campsites, dreckige Plumpsklos und überall lag Müll. Ausserdem sah der Müll so aus, als ob sich schon mal ein Bär daran gütlich getan hätte. Wir beschlossen, im Auto zu schlafen.

Doch dann wurde dieser unbefriedigende Tag doch noch mit einer spektakulären Nacht belohnt: Um zehn Uhr abends fing es an zu blitzen, alle paar Sekunden. Dann, gegen Mitternacht, kam Donner dazu, der schnell immer lauter wurde. Schliesslich, immer noch begleitet von ständigen Blitzen und Donner, schüttete es wie aus Eimern. Die Einschläge kamen immer näher und der Donner klang wie trockene Pistolenschüsse. Stroposkopartige Blitze erhellten die Nacht in so kurzen Abständen, dass es fast mehr hell als dunkel war. Wäre jetzt ein Bär vorbeigekommen, hätte ich ihn toll aus dem Auto heraus sehen können. Aber der Bär lag bestimmt mit Pfoten über den Augen tief im Wald versteckt und erwartete den nahenden Weltuntergang.
Wir waren froh, im trockenen sicheren Auto zu liegen und konnten uns das Spektakel in Ruhe .anschauen Das Gewitter dauerte bis zum nächsten Morgen und gab erst Ruhe, als wir um 9 Uhr aus unseren Schlafsäcken krochen. In Manitoba werden eben selbst die phantastischsten Gewitter irgendwann langweilig.


Torsten am 16.07.01 in Flin Flon/Manitoba (Canada):


Diary
Tagebuch
Dinner
Abendessen auf Reisen

Flin Flon - klingt doch echt lustig. Wenn Christiane und ich nicht schon in Jokkmokk (Schweden) geheiratet hätten, hätte ich ihr hier jetzt einen Antrag gemacht.
Die Strecke von Ontario nach Winnipeg ist ein Nadelöhr, die nördlichste Route ist hier gleichzeitig die südlichste Route durch Kanada. Hwy No.1 ist die einzige Verbindung und liegt nur etwas nördlich von der amerikanischen Grenze. Es gibt zwar noch einzelne Stichstrassen nach Norden, aber die sind für eine Durchquerung 'coast to coast' natürlich denkbar ungeeignet.
Wir sind lange Zeit durchs Niemandsland gefahren, nichts als Wildnis. Das bemerkenswerteste Verkehrsschild wies uns durch seinen Text "next McDonalds 500 km" (gelbe Schrift auf rotem Grund) unsanft darauf hin, dass man nun erstmal bis auf Weiteres von jeglicher Versorgung abgeschnitten war. Denn: wo kein McDonalds da auch kein Burger King , Pizza Hut oder sonst irgendwas. Auch kein Supermarkt. Wenn man jetzt noch etwas brauchte, konnte man es höchstens völlig überteuert und in noch minderer Qualität an einer der wenigen Tankstellen erhalten. Also: bunkern.
Es ist übrigens ein durchaus erhebendes Gefühl, wenn man nach mehreren Tagen Tagen Fahrt durch einen nicht endenden Wald wieder von der Zivilisation aufgenommen wird. Zuerst hat man wieder Musik im Radio und dann kommt die spannende Frage: wer empfängt einen hier zuerst? Aha, in dieser Stadt ist es Tim Hortons (das sind die mit dem guten Kaffee). War das in der letzten Stadt auch so, oder war's da Burger King? Umgedreht funktioniert das übrigens genauso - wenn man besiedeltes Gebiet verlässt, ist von ungeheurer Wichtigkeit, wer einem zuletzt einen Gruss (und einen Styropor Kaffeebecher) mit in die Einsamkeit schickt.
Steckt in der Reihenfolge des Empfangs- und Verabschiedungskommitees eigentlich eine ausgeklügelte Marketingstrategie der Konzerne, oder bestimmt etwa der schlechte Geschmack der Stadtväter wie die Reihenfolge zu sein hat? Oder ist es schlicht und einfach Zufall? über diese und andere philosphische Fragen kann man sich dann auf der langen Fahrt ruhig mal den Kopf zerbrechen. Nein, nein, wir sind jetzt nicht komisch geworden ('bushed' - wie die Kanadier sagen). Wenn man nach soviel Busch dann auch noch in eine Stadt kommt, die Flin Flon heisst, eröffnet sich doch nur eine ganz neue, wunderbare Gedankenwelt.


Torsten am 18.07.01 im Prince Albert National Park/Sasketchewan (Canada):

Das wochenlange autofahren durch Kanada ist seit Manitoba und Sasketchewan doch recht monoton geworden. Es ist entsetzlich heiss und schwül, jeden Tag gibt es ein apokalyptisches Gewitter. Das ist zwar echt spannend, aber auf der anderen Seite wecken die Monotonie des Fahrens, die glühende Hitze und die nervenden Insekten aller Art ganz andere Bedürfnisse, als sich ausgerechnet mit einem schweren Rucksack durch die Landschaft zu quälen. Ein Bad im See und am Abend ein leckeres BBQ (grillen) mit einem kühlen Bier reichen uns neben der vielen Fahrerei als Tagesaktivität völlig aus.
Das ist für uns sicher ein ungewöhnliches Verhalten, aber man darf auch nicht vergessen, dass wir ja (ausser im Auto) seit über 3 Monaten ständig draussen sind. Wir schlagen unser Lager jeden Tag woanders auf und bereiten mindestens unser Frühstück und Abendessen mit nur einem Kocher (oder Grill) bei jedem Wetter im Freien zu und müssen jederzeit mit einer unangenehmen Bärenbegegnung rechnen. Das alleine ist schon eine ganze Menge outdoor.
Wir haben daher jetzt ein Reiseziel, dass uns ursprünglich sehr am Herzen lag, Über Bord geworfen: Den Wood Buffalo National Park im äussersten Norden Albertas. Den Ausschlag für die Entscheidung gab letztendlich die Empfehlungsbroschüre des Nationalparks selbst. Mitte Juli bis Mitte August sind dort soviele beisswütige Insekten anzutreffen, dass es sogar den hartgesottenen Kanadiern zuviel ist! Und noch schlimmer: es ist gleichzeitig Brunftzeit der dort wild lebenden Büffel. Unberechenbar gefährlich! Beste Zeit für die von uns anvisierte Tour: Anfang oder Mitte September. Solange können wir nicht warten, da gibt es dann doch noch eine sehr grosse Anzahl anderer Ziele, die sicher nicht minder spannend und herausfordernd sind.
Wir werden jetzt also statt über Wood Buffalo zum Yukon zu fahren, auf der Ostseite der Rocky Mountains nach Whitehorse fahren. Dort haben wir uns, früher als geplant, für Anfang August bei unserem Freund Gerry angemeldet, mit dem wir dann auf dem legendären Dempster Hwy bis nach Inuvik an der Beaufort See fahren wollen.


Torsten am 23.07.2001 am Summit Lake (British Columbia)/Canada:

Wir sind auf dem Alaska Highway, der von Dawson Creek in British Columbia (B.C.) über Whitehorse (Yukon) nach Fairbanks in Alaska führt. Dieser Highway gilt völlig zurecht als eine der schönsten Strassen des Landes.
Die schwüle Hitze ist zum Glück vorbei, trockenes Sommerwetter herrscht vor. Es ist Hauptreisezeit in B.C. - und ganz genau so, wie wir es uns vorgestellt haben. Ein traumhaft schöner Highway - mit Abstand der schönste, den wir bisher gesehen haben - überfüllt mit Motorhomes (Wohnmobile) aller Art. Sie quälen sich mit 30-50km/h im Gänsemarsch durch die Berge, normale Autos sieht man kaum - und wenn, dann kann man deren verzweifelte überholversuche allenthalben beobachten. Ein Schicksal, das auch uns ereilt hat. Macht leider nur bedingt Spass. Am schlimmsten sind die Motorhomes (ungelogen: Reisebusformat!) betuchter amerikanischer Rentner, die zumeist auch noch einen nagelneuen Jeep Cherokee(!) im Schlepptau haben. Da fährt dann locker eine halbe Mio. US-Dollar im Schneckentempo vor einem her und man hat keine Chance, daran vorbeizukommen. Da sie sich gegenseitig auch nicht überholen können, bildet sich dann schnell ein Konvoi. "The blue parade" nennt man das scherzhaft - wegen der leicht blau schimmernden Haarpracht der Insassen.
Wir sind jetzt auf den letzten 1000 km vor Whitehorse und unsere DurchquerungKanadas ist damit fast abgeschlossen. Durchaus Zeit, einmal Bilanz zu ziehen.
Der Juli als Reisemonat hat seine zwei Seiten. Die Temperaturen lassen jeden Mittelmeerfan vor Neid erblassen, die meisten Gewässer haben ideale Badetemperaturen. Aber die Insektenplage hat auch ihren Höhepunkt und kann einem das schöne Sommerfeeling wieder versauen. Und dann die Touristenflut aus aller Herren Länder, einschl. Kanada selbst - wie schön war es doch, als wir uns im Juni die "Maritimes" (New Brunswick, Nova Scotia, Neufundland) nur mit den Black Flies teilen mussten. Die beste Reisezeit erscheint uns daher ab Mitte August zu sein - und das steht uns ja noch bevor. Dann verschwinden Insekten und Touristen wieder und der Indian Summer hält hier oben am Polarkreis Einzug und taucht das ganze Land in leuchtende Farben. Wir werden übrigens mit dem Indian Summer wieder Richtung Süden ziehen und am 29. September von San Francisco aus nach Neuseeland weiterfahren.
Aber zurück zur Bilanz: Gefallen haben uns der US-Bundesstaat Maine, die Provinzen New Brunswick, Nova Scotia, Neufundland und jeweils der Norden von Quebec und Ontario. Die schönsten Strassen bisher waren die Strecke von Goose Bay (Labrador) nach Baie-Comeau (Quebec) und natürlich unschlagbar gut: der Alaska-Highway, auf dem wir jetzt gerade sind.
Am wenigsten mochten wir Saskatchewan und Manitoba, dort war es grauenhaft heiss und schwül und die Landschaft hat aber auch gar nix geboten. Dagegen ist ein platter nordfriesischer Acker ein echter Erlebnispark.


Christiane am 25.07.2001 in Watson Lake (Yukon Territory)/Canada:

Endlich haben wir die Flachlandprovinzen von Kanada hinter uns gelassen. Manitoba, Saskatchewan und Alberta haben sich doch ganz schön hingezogen.
Alberta muss zwar im Süden sehr schön sein, aber wir wollten ja unbedingt möglichst weit im Norden fahren. Doch mit dem überschreiten der Grenze nach British Columbia haben uns die Rocky Mountains in Empfang genommen. In Dawson Creek sind wir dann auf den berühmten Alaska Highway gestossen. Er führt von Dawson Creek bis nach Fairbanks in Alaska. Während des zweiten Weltkriegs stampfte man dieses Mammut Projekt in nur acht Monaten aus dem Boden. Man wollte so Amerika vor einer Invasion der Japaner von Nordwesten her beschützen. Heute wird der Alaska Highway von vielen Touristen genutzt, denn er führt durch eine atemberaubende Landschaft in den hohen Norden Kanadas und der USA.

Alaska Hwy
Alaska Highway,
Dawson Creek, British Columbia


zero mile
Zero Mile
Torsten
Rocky Mountains
Christiane
Rocky Mountains

Für uns stellte der Alaska Highway den absoluten Kontrast zu Manitoba uns Saskatchewan dar. Konnte man dort über hunderte von Kilometern nur geradeaus fahren, windet sich dieser Highway durch die gewaltige Berglandschaft der Rocky Mountains. Alle paar Kilometer kann man anhalten und einen Wasserfall bewundern oder eine Schlucht erkunden, oder gar auf einen Berg klettern. Hinter jeder Ecke muss man mit Bergziegen auf der Strasse rechnen und auch einige Caribous kreuzten unseren Weg. Auf einer Sandbank im Fluss entdeckte ich sogar ein paar wildlebende Büffel, die dort in der Sonne lagen.
Aber das war nicht genug der Naturwunder. Nach einem langen Tag auf dem Highway erreichten wir gestern Liard Hot Springs. Der Ort heisst nicht nur so, sondern es gibt dort tatsächlich heisse Quellen. Zehn Minuten zu Fuss vom Campingplatz entfernt, kamen wir in einen tropisch anmutenden Wald. Von weitem empfing uns Gelächter. In einem Bach, gespeist von einer heissen Quelle, badeten Reisende, wie wir es sind, und freuten sich ihres Lebens. Und das alles umsonst und draussen! Wir zögerten nicht, dieses Vergnügen zu teilen. Das glasklare Wasser, dessen Temperatur, je nach Entfernung zur Quelle, von Badewanne bis Kochtopf reichte, wirkte sehr entspannend. Man setzte sich einfach neben wildfremde Menschen und unterhielt sich darüber, wie schön doch es war, dort zu sein. Würde ich einen Prospekt über die Liard Hot Springs entwerfen, hätte ich geschrieben, dass ein Bad darin glücklich macht. Das jedenfalls war mein Eindruck von den lachenden Menschen um mich herum. Jeder schien einfach Spass zu haben. Ein paar hundert Meter weiter im Wald gab es noch eine zweite Quelle. Diese speiste einen runden Teich, zehn Meter im Durchmesser und mindestens drei Meter tief.
Heute morgen besuchten wir diesen Pool noch einmal und waren diesmal ganz alleine. Es hatte etwas spirituelles in heissem Wasser durch aufsteigenden Nebel zu schwimmen, während die noch tief stehende Sonne durch die Bäume schien. Ich konnte mir gut vorstellen, dass dieser Ort für die Ureinwohner heilig gewesen sein muss.
Von Liard Hot Springs fuhren wir heute nur noch 200 Kilometer bis nach Watson Lake. Mit der Ankunft in Watson Lake sind wir auch im Yukon Territorry, dem westlichsten Territorium Kanadas, angekommen. Einen Monat Autofahrt von Labrador bis hier her liegen hinter uns und wir haben ein bisschen das Gefühl nach Hause zu kommen. Im Yukon waren wir schon einige Male und dieses Land hat unsere Liebe zu Kanada entfacht.

Watson Lake
Schilderwald in Watson Lake

Watson Lake hat eine ganz besondere Attraktion. 1942, als der Alaska Highway gebaut wurde, stellte ein heimwehkranker Soldat ein Schild auf, das die Richtung und die Entfernung zu seiner Heimatstadt anzeigte. Das schien ansteckend zu wirken, denn viele Reisende taten es ihm gleich. Bis heute gibt es dort einen Wald aus tausenden von Schilder mit Städtenamen aus der ganzen Welt. Es machte uns unheimlich Spass, durch diesen Wald zu wandern und nach bekannten Namen zu suchen. An vielen Städten sind wir auf unserer Reise schon vorbei gekommen. Chicago, Toronto oder Winnipeg sind einige davon. Aber auch aus Deutschland hängen dort einige Schilder. Unter einem Schild mit Hamburg drauf, hat Torsten mich fotografiert. Doch mein Herz machte einen richtigen Sprung, als ich plötzlich ein kleines etwas verblasstes Schild entdeckte auf dem stand: Vreden i. W. Germany!! (meine Heimat).Wer immer durch Watson Lake kam und dieses Schild dort angenagelt hat: Danke, ich habe mich sehr gefreut!

Hamburg
Hamburg
Vreden
Vreden

weiter: August 2001






Tagebuch einer Weltreise © Torsten + Christiane Herrmann 2001/2002